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aktualisiert am 04.03.2006/KE

Breitenkamp - Heinrichshagen

 

Breitenkamp und Heinrichshagen

- Zwei Walddörfer im Vogler -

 

Der Vogler als Teil des Weserberglandes.



Beiderseits des Oberlaufes der Weser säumen recht unterschiedliche Höhenzüge die Ufer des Stromes. Sie bilden kein zusammenhängendes Gebirge, sondern eine Ansammlung bewaldeter Berge. Niederungen und Täler trennen sie voneinander, und sie sind in ihrer Art recht unterschiedlich.

Da fallen im Raum Dransfeld, und auch jenseits im Reinhardswald, herausragende Kuppen ins Auge, Basaltkegel als Reste längst erloschener Vulkane. Nördlich davor lagert sich breit der aus rotem Sandstein aufgebaute Schildbuckel des Sollings, in den ein gewaltiges Schwert eine tiefe Kerbe gehauen zu haben scheint. Der sich daran anschließende Vogler ähnelt dem Solling in seinem Aufbau aus Buntsandstein. Gegenüber am Westufer der Weser erheben sich mehr flächenartige Höhen, die die Brücke zum Lippischen Bergland bilden, darunter die Ottensteiner Hochebene, aber auch der Köterberg. Weiter nördlich dominieren in südost-nordwestlicher Richtung sich hinziehende Kalkrücken: der Hils, der Ith und andere, bis hin zum Weser- und Wiehengebirge, durch die sich die Weser bei der Porta Westfalica einen Durchlaß erzwungen hat.

Der Vogler bildet mitten in diesem Ensemble eines der kleinsten Glieder. Bei einer Länge von etwa 10 Kilometern und einer Breite von fünf Kilometern kann man ihn höchstens als Mini-Gebirge bezeichnen. Er hebt sich aber in dieser Gesellschaft durch seine besonderen Eigenarten heraus. Obgleich er auch aus Sandstein besteht, fällt im Gegensatz zum Solling sein stark bewegtes Relief auf. Tiefe Täler zerfurchen das Sandsteinpaket, und in seiner Mitte hat sich wohl durch einen Einbruch infolge von Gips- und Salzauslaugungen ein Kessel gebildet, dessen Wasser nur in nördlicher Richtung einen Ausgang gefunden hat.
Und auch nur dort, d.h. von Kirchbrak her, führt eine Straße in diesen Kessel hinein und kapituliert vor den Hängen, die sich steil zum Kamm hinaufziehen und den Weg in südliche Richtung versperren. Das Bedürfnis nach einer die Höhe überwindenden Straße war wohl nie vorhanden. Bei der geringen Ausdehnung des Voglers war es bequemer, ihn zu umfahren, als sich über seine Berge zu mühen.

Die Besiedlung des Voglers.


Die Siedler, die einst ihre Gehöfte in diesem Voglerkessel anlegten, müssen zweifellos von Kirchbrak heraufgekommen sein. Wie sehr auch die Frage nach dem Alter der Dörfer Interesse findet, wir wissen es nicht, wann es war.

Die Tatsache, daß in der Feldmark von Heinrichshagen ein zerbrochenes Steinbeil und an einer Quelle oberhalb von Breitenkamp einige Feuersteine gefunden wurden, beweist, daß sich schon in der Jungsteinzeit Menschen hier aufgehalten haben, und sei es nur zum Zwecke der Jagd.

Für den Vogler selbst existieren zwei frühe urkundliche Erwähnungen. Die erste in einer Grenzbeschreibung der Diözese Hildesheim aus der Zeit kurz vor dem Jahr 1000. Dort wird er mit „mons fugleri“, d.h. Berg des Vogelfanges bezeichnet. Die Grenze zwischen den Bistümern Minden und Hildesheim durchschnitt den Vogler -von Holenberg kommend- im Wabachtal. Das Kirchspiel Kirchbrak gehörte also, sofern es schon bestand, zu Minden. Die zweite Urkunde stammt aus dem Jahre 1033. Kaiser Konrad II.(1024-1039) übereignete darin dem Bischof Sigbert von Minden die westliche Hälfte des Voglers als Jagdbann. In dieser Urkunde werden leider nur die auf der Grenze dieses Gebietes genannten Orte aufgeführt, nicht die darinliegenden.

Die beiden Namen Heinrichshagen und Vogler verleiten dazu, dieses Dorf mit Heinrich I. in Verbindung zu bringen. Wie das bekannte Gedicht von Nepomuk Vogl berichtet, soll ihm die Königskrone beim Vogelfang angetragen worden sein.. Dieses Ereignis ist für den Vogler nicht belegbar. Es gibt andere Vogelherde, z.B. im Harz, die dafür eher favorisiert sind. Da es unter den Edelherren von der Homburg mehrere mit Namen Heinrich gegeben hat, dürfte einer von ihnen als Namenspatron in Frage kommen.

Vermutlich gehören Breitenkamp und Heinrichshagen zu den „Hägersiedlungen“. In der ersten Hälfte des 12.Jahrhunderts-es war die Zeit, in der auch das Kloster Amelungsborn gegründet wurde-riefen der Bischof von Hildesheim und Graf Siegfried IV. von der Homburg Siedler aus dem Westen, vermutlich Flamen, in dieses Land und wiesen ihnen Wald zum Roden in der Gegend um Eschershausen zu. Die den Neuankömmlingen gewährten Vorrechte und Vergünstigungen wurden schriftlich fixiert und-an das Land gebunden-über die Jahrhunderte hin bewahrt. Das eingehegte, gerodete Land nannte man Hagen, daher auch Buchhagen, Heinrichshagen u.a..

Wenn also ein Stück Land als Hägergut genannt ist, dann kann man annehmen, daß es zu den ursprünglichen Hägerländereien gehört und daß vielleicht auch die ganze Siedlung aus der Zeit um 1120 stammt. Für Heinrichshagen und Buchhagen weisen aber nur die Namen auf den Ursprung als Hägersiedlungen hin. Andere Belege fehlen. Auch für Breitenkamp ist kein Hägerland nachgewiesen.

Die Hägersiedlungen sind oft wieder aufgegeben und wüst worden. Davon zeugen noch heute Flurnamen wie Brunshagen, Kathagen und andere. Die Häger gaben auf, wenn die Ernteerträge infolge schlechten Bodens oder ungünstiger klimatischer Verhältnisse zu gering waren, wenn in Kriegszeiten Soldaten die schutzlosen Gehöfte ausgeplündert, zerstört oder verbrannt hatten, wenn sich die Siedler des räuberischen Gesindels nicht erwehren konnten und deshalb in ein größeres Dorf umzogen, wenn Seuchen die Familien dahinrafften. Die Höfe können für längere Zeit wüst gelegen haben, aber später bei Landmangel wieder besetzt worden sein. Dafür spricht z.B. bei Heinrichshagen die Tatsache, daß ein vermutlich sehr alter Weg-wahrscheinlich ein Botenweg zwischen der Homburg und Bodenwerder-nicht durch das Dorf führte, sondern in einer Entfernung von etwa 300 Metern daran vorüber, als hätte es nicht existiert.
Von Breitenkamp muß man in jedem Fall den Eindruck haben, daß es planmäßig angelegt worden ist.

Der Bach, Wasserlieferant für Mensch und Vieh, bildete die Achse des Dorfes. Beiderseits führte ein Weg daran entlang. In etwa gleichem Abstand waren die Gehöfte angelegt, der eigentliche Hof an der Straße, dahinter das Haus. Ursprünglich waren es wohl überall die Niedersachsenhäuser mit dem Giebel und der großen Toreinfahrt nach der Straße hin. Durch das Tor gelangte man auf die große Deele. Rechts und links befanden sich die Ställe für Pferde und Rinder. Im rückwärtigen Teil der Deele war die offene Feuerstelle, über der der Kesselhaken hing. Im hinteren Teil des Hauses waren zwei Zimmer, darüber Schlafkammern. Die Kammern für Knechte und Mägde befanden sich über den Ställen. Unter dem Dach wurden die Heu- und Strogvorräte untergebracht. Das Leibzuchthaus hatte meistens vorn am Weg seinen Platz.

Die Wickenser Erbregister.



Hinsichtlich des Ursprungs der beiden Voglerdörfer ist man also auf Vermutungen angewiesen. Erst durch die frühesten urkundlichen Erwähnungen bekommt man einen besseren Einblick.

Zwischen 1100 und 1400 etwa gehörte der Vogler zu den Territorien-soweit man davon schon sprechen kann-der Grafen von Everstein und der Edelherren von der Homburg. In diese Zeit fällt die erste Nennung des Namens Breitenkamp-nicht Heinrichshagen. Es taucht zusammen mit Kirchbrak und Westerbrak in einem Lehnregister der Grafen von Everstein zwischen 1350 und 1360 auf (Hauptstaatsarchiv Hannover). Dort heißt es, ein Heinrich STELZE wurde mit dem Zehnten und drei Höfen in Breitenkamp belehnt. Dann schweigen die Archive wieder für 200 Jahre.

Kurz nach 1400 nahmen die Herzöge von Braunschweig mit Hilfe mehr oder weniger rigoroser Methoden von den beiden Herrschaften Besitz und führten die Gliederung des Landes in Ämter ein. Das ursprünglich als Versorgungshof zur Homburg gehörende Gut Wickensen wurde zum Sitz eines fürstlichen Amtmannes.

Um einen genauen Überblick über das Land und seine Einwohner einschließlich deren Abgaben, Steuern und Dienstleistungen zu bekommen, wurden innerhalb der Ämter die Erbregister aufgestellt. Sie stammen aus den Jahren (um) 1545, 1580, 1625 und 1660.

Das erste beginnt mit dem „Vorspann“ (übertragen ins Hochdeutsche): „Breitenkamp gehört den Vettern Lorenz und Gottschalk von GRONE, aber mein gnädiger Herr hat darin das Hals- und niedere Gericht, Gebot und Verbot über Verbrechen, die auf der freien Straße geschehen, die kommen meinem gnädigen Herren zu durch das Haus Homburg, aber die Verbrechen, die auf ihren umzäunten Höfen und auf dem Acker geschehen, die kommen den Junkern zu. Die von Breitenkamp dienen meinem gnädigen Herrn bei dem Haus Homburg jährlich sechs Tage mit der Hand, dazu der Burg, wenn es nötig ist. Sie geben meinem gnädigen Herrn jährlich Landschatz..... Der Fleisch- und Kornzehnte kommt denen von GRONE zu. Wehrhafte Männer und Knechte in Breitenkamp......“

Nun folgt das eigentliche Register(hier nur der erste als Beispiel):

Breitenkämper Köther und Handdienste:



Evert KNOICKEN hat einen Kothof von der Witfrau von GRONE, hat dazu 24 Morgen Land, gibt derselben von jedem Morgen, wenn es wächst, als Zehnten und Teil drei Himten Korn, Hofzins sechs Hühner, 60 Eier und 6 Kortlinge.

Im Jahre 1545 werden 12 Höfe mit zusammen 134 Morgen Land aufgeführt, darunter drei Höfe ohne Ackerland. 1580, 1625 und 1660 bleibt die Zahl der Höfe unverändert. Die Morgenzahl sinkt auf 114. Vier Höfe haben 18 Morgen, die anderen darunter. 1625 und 1660 sind die Angaben unverändert. Man hat sich offenbar nicht die Mühe gemacht, die Zahlen zu überprüfen oder gar das Land neu zu vermessen. Wenn nötig, sind nur jeweils die Namen der Bauern verändert worden. Von so geringen Ackerflächen hätte damals wohl kaum jemand leben können. Gärten, Wiesen und Weiden müssen noch hinzugerechnet werden. Trotzdem sind die Zahlen wohl fragwürdig. Die Bauern haben, um ihre Abgaben zu drücken, vermutlich nicht alles Land angegeben. Es findet sich nämlich ein Vermerk in dem Hausbuch der Familie von HAKE, Buchhagen, und da heißt es, daß 1668 die Bauern den Herren von GRONE in Kirchbrak und Westerbrak eingestehen mußten, daß sie weit mehr Land hätten, als im Wickenser Erbregister angegeben worden sei, und daß sie außerdem Wald gerodet und zu Acker oder Wiese gemacht hätten. Daraufhin wurden die Abgaben erhöht und die Bauern verwarnt, nicht weiter im Holze zu roden.

Auffallend ist, daß in den Jahren zwischen 1545 und 1660 die Pächter -so würden wir die Bauern heute wohl nennen- sehr häufig gewechselt haben. Es tauchen immer wieder andere Namen auf. Fehlende Erben gleichen Namens können bei der großen Kinderzahl, die damals üblich war, kaum die Ursache sein. Vielleicht waren die Verhältnisse in den Walddörfern so ärmlich, die Ernteerträge so kümmerlich, daß die Bauern dem Vogler wieder den Rücken gekehrt haben. Die Erbregister geben darüber keine Auskunft. Man ist nur auf Vermutungen angewiesen.

In der Zeit um 1750 wurde dann für das Land Braunschweig eine Neuvermessung angeordnet. Diese ergab für die gesamte Dorfgemarkung eine Fläche von 416 Morgen(1954 waren es 507 Morgen).

Die Namen der Hofbesitzer, die damals genannt waren, haben sich bis auf wenige bis auf den heutigen Tag erhalten: die SCHAPER, ENGELKE, MÜLLER, MEIER und BRUNS, während die SCHMIDT und KRÜGER noch unmittelbare Nachfahren haben, sind die UTERMARK und DROSTE verschwunden.

Die meisten noch ansässigen und lebenden Familien lassen sich auf diese zuerst genannten zurückführen. So stammen z.B. alle SCHAPERS im Dorf von dem damaligen SCHAPER in Hof Nr.1 ab.

Die Dorfbeschreibung von 1761 gibt ein anschauliches und detailliertes Bild vom Dorf und seinen Einrichtungen:

Das Dorf steht unter der Rechtsprechung des fürstlichen Amtes Wickensen. Es sind darin 10 Großköther, 2 Kleinköther und drei Brinksitzer, zusammen 15 Höfe, dazu das Schulhaus. Acker und Weide sind in die 3.Klasse eingestuft, die Wiesen in die 2.Klasse, der Wald dagegen in die 6.Klasse.

Das Dorf hat zwar eine Schule, der Vermessungskommisarius vermerkt aber alles, was darüberhinaus fehlt: nämlich die Kirche, eine Mühle, eine Ziegel-, Gips- und Kalkbrennerei, der Krug, ein Hirtenhaus, eine Schäferei, ein Pfänder- und Nachtwächterhaus, eine Fischerei, eine Schmiede, ein Gemeindebackhaus und Feuerinstrumente, außer einer Leiter und zwei Haken. -Der Kornzehnte gehört den Herren von GRONE. Die Lieferung von Eiern und Hühnern ist in Geld abgelöst. Die obere Jagd gehört „Serenissimo“, die niedere Herrn von GRONE.- Die Weide ist schlecht und deshalb ist das Vieh auch nicht das beste. Nach der Ernte werden die Felder abgeweidet, auch im Wald darf gehütet werden. Nach einer Einsaat von zwei Himpten ernten die Bauern sieben bis zehn Himpten, aber darüber wollen die Bauern-wie es heißt- nicht mit der Sprache heraus. Der Flachsanbau gerät nicht besonders gut, es ist nicht warm genug. Die Gärten sind wenig gepflegt. Handwerker fehlen, fast alle sind Leinweber. Die Häuser sind mit Stroh gedeckt oder mit Steinen, die sie von Negenborn holen. Das Amt des Baumeisters geht reiheum. Eine Entschädigung gibt es deshalb nicht.

Die Großköther besitzen an Ländereien 45 Mrg., 38 Mrg., 40 Mrg., 37 Mrg., 44 Mrg.,11 Mrg., 22 Mrg., 31 Mrg., 13 Mrg., 9 Mrg., die Kleinköther 11 Mrg., 1 Mrg.. Von den drei Brinksitzern hat nur einer 4 Mrg.. Zur Schule gehört 1 Mrg. Der Viehbestand ist recht gering. Die GRoßköther haben im Höchstfall 2 Pferde, 2 Kühe und 2 Schweine, oft nur 1 Pferd, 1 Rind, 1 Schwein. Bedenkt man, daß bei den kärglichen Ernten und dem geringen Bestand an Milchkühen und Schlachtvieh eine Familie mit fünf bis zehn Kindern satt werden mußte-Kartoffeln gab es noch nicht- dann wird man nur von einem trostlosen und armseligen Leben sprechen können, das nur dadurch erträglich wurde, daß es allen anderen auch nicht besser erging.

Broterwerb außerhalb des Dorfes.



Ein anderes Spannungsfeld entstand durch den Kinderreichtum auf der einen und die fehlenden Arbeitsmöglichkeiten auf der anderen Seite. Wenn auch die Landwirtschaft und der Haushalt viel mehr Arbeitskräfte benötigte als in unserer Zeit-für die Feldbestellung mit Pferden und Kühen, für das Gras- und Getreidemähen mit der Hand, für das Heuwenden, Garbenbinden, Einfahren und Dreschen mit dem Dreschflegel, für das Füttern, Melken und Buttern, für das Brotbacken und viele weitere Tätigkeiten, die uns heute von Maschinen abgenommen sind-, und wenn auch die Männer im Sommer im Steinbruch und im Winter im Wald arbeiteten, die Arbeitsplätze im Dorf reichten nicht aus, alle Hände zu beschäftigen.

Da waren es nicht nur Fernweh, Abenteuerlust und der bessere Verdienst, die junge Leute in die Ferne lockten. Es war einfach der Zwang, der nackten Not und den überfüllten Wohnungen daheim zu entgehen. So wanderten viele auf eigene Faust bis nach Holland, um sich dort in der Heuernte als Mäher zu verdingen. Die Zeit der Hollandgänger liegt allerdings soweit zurück, daß in den Jahren um 1950 niemand aus der damals noch lebenden Generation sich unmittelbar daran erinnern konnte. Auch Väter und Großväter hatten nicht mehr zu den Hollandgängern gehört. Ein einzelner Fall war in Erinnerung, daß ein ältester Sohn einer ENGELKE-Familie aus Heinrichshagen nach Holland ging, und es wurde erzählt, daß er wegen Devisenschmuggel ins Gefängnis kam.

Etwas anderes aber liegt nicht so weit zurück, und das hatte es in der Zeit der Dorfbeschreibung von 1761 noch nicht gegeben. Da erschienen in den Wintermonaten die Meister von Ziegeleien aus der Gegend um Dortmund, Hamburg und Berlin im Dorf, um mit den Männern zu verhandeln und mit ihnen Verträge für die Sommersaison in den Ziegeleien abzuschließen. Nach der Schneeschmelze im Frühjahr marschierten sie dann eines Tages los, um ihre Arbeitsplätze zu erreichen. Nach dem Bahnbau 1872 nur noch bis Emmerthal, denn von Hameln aus brachten ganze Sonderzüge die Ziegler nach dem Westen. Auch Halbwüchsige waren schon dabei. Sie leisteten Botendienste oder mußten für die Mannschaft ein notdürftiges Mittagessen kochen. Die Ziegler blieben einen ganzen Sommer über in der Fremde und kehrten je nach Wetterlage früher oder später im Herbst nach Hause zurück, von den Familien natürlich-nicht zuletzt wegen des erhofften Geldes und der Mitbringsel- sehnsüchtig erwartet. Bei manchen soll allerdings während der harten Arbeitswochen, besonders wegen der Hitze am Brennofen, zuviel die Kehle hinuntergelaufen sein, so daß von der erhofften Barschaft nicht viel übrig geblieben war. Auf jeden Fall aber gehörte die Heimkehr der Ziegler zu den Höhepunkten im Jahr. Sie wurden festlich empfangen, und der Tag wurde mit Musik und Tanz gefeiert.

Zum Ausruhen aber blieb nicht viel Zeit. Schon in den nächsten Tagen ging die Arbeit mit dem Holzfällen im Wald weiter. Die Breitenkämper waren hauptsächlich im Buchhäger Forst beschäftigt, der sich oberhalb des Dorfes am inneren Hang des Voglers bis fast zum Ebersnacken hinzieht. Die Heinrichshäger arbeiteten in den von Gronschen Wäldern von Kirchbrak und Westerbrak. Hilfskräfte wurden auch für das Schlagen des Brennholzes im Bauernholz benötigt.

In den Kalsteinbrüchen von Marienhagen arbeiteten in den Sommermonaten ebenfalls Männer aus Breitenkamp und Heinrichshagen. Sie blieben aber jeweils nur eine Woche von Hause weg und kamen nach einem vollen Arbeitstag sonnabends zu Fuß(ca.3 Stunden) zurück, erledigten am Sonntag noch so manches Dringliche, um dann am Montag in aller Frühe mit gefülltem Rucksack wieder aufzubrechen. Auch in Hannover waren einige zeitweise beim Straßenbau beschäftigt.

Zu den Winterarbeiten gehörte das Dreschen mit dem Dreschflegel auf der Diele. Das liegt nicht so weit zurück, als daß nicht die ältesten Einwohner, denen der Rhytmus des Schlagens noch im Ohr klingt, davon berichten konnten. Morgens um 3 Uhr begann der Arbeitstag der Drescher.

Schließlich muß noch die Beschäftigung mit Flachs und Wolle genannt werden. Daß die Frauen und Mädchen in den Wintermonaten fleißig spannen, war selbstverständlich. Der Anbau und die Bearbeitung des Flachses erforderten viel Mühe und Sorgfalt. Die Flachsrotten sind noch in Erinnerung, und einige der Gerätschaften haben trotz Entrümpelung die Jahrzehnte auf den Hausböden überdauert. Nur die Webstühle konnte man ihrer Größe wegen nicht aufbewahren. In Breitenkamp sollen drei Stück und in Heinrichshagen auch mehrere geklappert haben. Der Kaufmann OTHMER, Kirchbrak, der in Breitenkamp ein „Lusthaus“ besaß, lieferte Rohmaterial und kaufte das fertige Leinen auf. Das Weben war meist Sache der alten Männer, und ihr staubiger und dunkler Arbeitsraum war die Brutstätte der Tuberkulose, die lange im Dorf grassierte.

Lebensverhältnisse in den Voglerdörfern.



Für uns Menschen des Industriezeitalters ist es nicht leicht, sich in die Zeit von vor 100 Jahren und mehr zurückzuversetzen, als die Menschen noch nicht so wie wir von technischen Hilfsmitteln aller Art umgeben waren. Versuchen wir es trotzdem, damit diese Zeit mit ihren Menschen nicht nur kümmerliche Daten aus Kirchenbüchern und anderen Urkunden bleiben, sondern Leben und Farbe gewinnen.

Die beiden Dörfer haben dank ihrer versteckten Lage zwar das Glück gehabt, von marodierenden und requirierenden Soldatenhaufen der vielen kleinen und großen Kriege und auch von Räuberbanden weitgehend verschont geblieben zu sein. Diese Abgeschiedenheit hat aber gewiß auch einen Menschenschlag hervorgebracht, der seiner Zeit stets nachhinkte. Die Bewohner werden nur selten aus ihrem Dorf heraugekommen sein, und bei dem beschwerlichen Zugang auf Feld- und Waldwegen ist der Besuch von außen gewiß auch immer die Ausnahme gewesen. Zu den Wegen nach draußen gehörte der sonntägliche Gang zum Gottesdienst in Kirchbrak. Von Heinrichshagen aus ging man über den Berg auf dem „Kirchweg“. Oft mag nicht der Gottesdienst das eigentliche Anliegen gewesen sein, sondern das Bedürfnis, einmal mit anderen zu sprechen und etwas neues zu erfahren.

Auf der Flurkarte von 1761 ist bei Breitenkamp der „Stadtweg“ eingezeichnet. Er führte durch den Wald nach Bodenwerder. Noch bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, bevor die Autos das Voglertal entdeckten, ging man „über den Berg“ in die Münchhausenstadt zum Einkaufen. Einige Bauern hatten dort ihre Stammkundschaft für Butter und Eier, und von dem Erlös machten sie die notwendigen Einkäufe. Wie selbstverständlich man solche Wege auf sich nahm, beweist die Tatsache, daß eine Frau, Minna HESSE, 45 Jahre lang im Sommer wie im Winter, bei jedem Wetter zur Arbeit in die Spinnerei der Gebrüder REESE nach Bodenwerder gegangen ist.

Dank der ungünstigen Verkehrslage konnten Handwerk, Handel und Gewerbe hier nie ernstlich Fuß fassen. Eine Tischlerei, eine Schuhmacherwerkstatt, ein Kramladen, eine kleine Dorfgaststätte, das war alles, was sich neben der Weberei in jedem Dorf entwickeln konnte. Ein Einwohner von Kirchbrak hat es eine Zeit lang mit einer kleinen Ziegelei versucht. Die Tisch- und Holzwarenfabrik, hervorgegangen aus einer Mehlmühle, bot zum Glück lange Jahre Arbeitsplätze, die man sonst nur weit außerhalb finden konnte.

Breitenkamp und Heinrichshagen heute (1990).



Von einer aufstrebenden Entwicklung der beiden Voglerdörfer in den letzten Jahren kann leider nicht die Rede sein, das Gegenteil ist der Fall. Die Arbeitsmöglichkeiten sind mehr und mehr zurückgegangen. Handwerker gibt es nicht mehr. Die Landwirtschaft konzentriert sich in jedem der beiden Dörfer auf je einen Hof und je zwei Nebenerwerbshöfen. Nur noch zwei Sandsteinbrüche sind bei Kirchbrak in Betrieb. Im Wald schaffen heute zwei Holzfäller das, wozu früher zehn notwendig waren- dank der Motorsäge.

Die Hoffnungen, die man in den Fremdenverkehr setzte, haben sich nicht erfüllt, nachdem in Breitenkamp eine Gaststätte geschlossen wurde, die nach einem Umbau mehrere Jahre lang zwanzig Betten zur Verfügung hatte und sich so allmählich einen erfreulichen Stamm von Feriengästen gesichert hatte. Eine neu erbaute Pension oberhalb des Dorfes ist zu klein, als daß man von einem florierenden Fremdenverkehr sprechen könnte, zumal die Gastronomie von einer kurzen Sommersaison nicht ein ganzes Jahr lang leben kann. In Heinrichshagen stehen nur zwei Ferienhäuser zur Verfügung, die Gastwirtschaft ist geschlossen. Es finden sich im Vogler zwar Wanderer ein, das Kapital, das in der schönen Erholungslandschaft des „Naturparkes Solling“ liegt, bleibt aber weitgehend ungenutzt.

Abträglich wirkt sich auch die 1969 erfolgte Schließung der Schule aus, die damals noch 23 Kinder hatte. Die Kinder werden nun in Kirchbrak bzw. Bodenwerder unterrichtet, und ein Teil ihrer Bindung an das Dorf geht dadurch verloren. Sie haben auswärtige Freunde und Schulkameraden, zumal sich bei der geringen Kinderzahl im Dorf oft keine passenden Spielgefährten finden. Notgedrungen suchen sie später einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz außerhalb des Dorfes. Um einen kurzen Arbeitsweg zu haben, verlassen sie ihr Heimatdorf.

Die Folgen sind in Breitenkamp und Heinrichshagen sinkende Einwohnerzahlen z.Zt. noch 180 bzw.90 Einwohner, und eine geringe Bautätigkeit. Häuser stehen leer und werden, wenn sie zu alt sind, abgerissen. Sind sie noch leidlich bewohnbar, werden sie zum Kauf angeboten oder vermietet. Oft an naturhungrige Städter, Rentner und Pensionäre, die hier ihren Lebensabend verbringen wollen, sich aber nur schwer in die ihnen fremde und ungewohnte dörfliche Gemeinschaft einfügen und von denen auch kein Nachwuchs zu erwarten ist.

Neben der Schule verloren die Dörfer durch die Verwaltungsreform 1972 auch ihre Selbständigkeit. Sie wurden ein Ortsteil von Kirchbrak und Teil der Gesamtgemeinde Bodenwerder. Eine Kirche haben beide Dörfer nie gehabt. Seit einigen Jahren besitzen sie Friedhofskapellen, die aber für gottesdienstliche Zwecke nicht benutzt werden. Der sonntägliche Weg zur Kirche, der früher einmal selbstverständlich war, ist heute die Ausnahme. Da auch sonst nur selten Veranstaltungen angeboten werden, fehlen auch von der Kirche her gemeinschaftsfördernde Anstöße. Das Vereinsleben ist noch leidlich in Gang. Die Träger sind in den beiden Dörfern die Ortsfeuerwehren, dazu in Breitenkamp der Kulturverein, und in Heinrichshagen seit einigen Jahren ein Schützenverein mit eigenem Schießstand.

Was der entscheidende Nachteil der beiden Dörfer auf absehbare Zeit bleiben wird, ist der Mangel an Arbeitsplätzen, ist die Tatsache, daß es für einen tüchtigen Menschen keine Chance gibt, es in ihrem Heimatort zu etwas zu bringen. Einerseits ist es der Drang nach draußen in die große Welt, die ein von Erfolg begleitetes, angenehmeres und reicheres Leben verspricht und bietet. Andererseits das Heimatgefühl, das die wenigen zurückhält und auch immer wieder zurückzieht in die Intimität und Vertrautheit des Dorfes und in die Geborgenheit der umschließenden Berge und Wälder.

 

(Friedrich Schreiber sen., Breitenkamp)


Info in Bildern
Die Perlen am Vogler
Wappen von Breitenkamp
Luftbild Breitenkamp
Dorfplatz mit Brunnen
Wappen von Heinrichshagen
Luftbild Heinrichshagen
Ebersnacken
Gaststätte Brenneke
"Schuster Engelke"
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